Geschichte aus der Spurensuche

Kapitel 2 Mein Weißer Sonntag

 

 Heute gibt es eine Geschichte vom „Weißen Sonntag“, für all die Kinder und Familien, die sich auf diesen besonderen Tag gefreut hatten, der aber leider in diesem Jahr wegen der Corona Pandemie zunächst einmal abgesagt wurde. 

 

 

 

 

Mein Weißer Sonntag

Die Geschichte spielt im Jahr 1943 in Lothringen, denn meinen Weißen Sonntag musste ich dort feiern. Wie ich nach Lothringen kam?

Nun, dazu muss man folgendes wissen:

Im Krieg hat Hitler das Elsass und Lothringen besetzt. Die Bauern und Landwirte dort wurden von ihren Höfen und Gütern vertrieben,

was ja unrecht war und deutsche Bauern sollten die Güter übernehmen und damit für die Versorgung der deutschen Bevölkerung sorgen. Man hat die Bauern mehr oder weniger dazu gezwungen. Es war schon so, dass nicht alle freiwillig den Hof eines Elsässers oder Lothringers übernommen haben. Das konnten nicht alle mit ihrem Gewissen vereinbaren. Viele fanden das nicht richtig. Aber die Bauernführer, die Leute für diese Aktion rekrutierten, hatten viel Macht. Da wurde schnell ein Familienvater mit sechs und sieben kleinen Kindern eingezogen oder ein Sohn als ganz junger Kerl in den Krieg geschickt.

Die wussten schon, wie man auch die anständigen Leute dorthin bekommt. Angst machen, das konnten die damals...

 

Mein Vater war damals in Neupotz Kirchendiener.

Er wurde zunächst nach Lothringen geschickt, um sich dort einen Hof anzusehen und sich ums Vieh zu kümmern.

Die Besitzer waren zuvor von der deutschen Wehrmacht vertrieben worden. Zunächst war die Wehrmacht dort auf den Höfen und das Vieh war ganz durcheinander. Die Soldaten hatten es mit den Mistgabeln gestochen usw., wahrscheinlich waren viele Männer aus der Stadt darunter, die sich nicht mit den Tieren auskannten… Jedenfalls hat man Landwirte gebraucht, die von Viehhaltung eine Ahnung hatten. Darum haben sie bestimmt meinen Vater dort hingeschickt, damit der sich ums Vieh kümmerte. 

 

Ich weiß natürlich nicht, was meine Mutter und er nach seiner Rückkehr bei ihrem Gespräch unter vier Augen abgemacht haben.

Davon haben wir Kinder ja nichts mitbekommen. Jedenfalls fiel nach ihrer Aussprache die Entscheidung nicht weg zu gehen, sondern in Neupotz zu bleiben!

Eines Tages aber kam Vater voller Zorn nach Hause. Er hatte sich mit dem Pfarrer gestritten.

Dieser hatte ihm anscheinend eine regelrechte Standpauke gehalten. Warum? Darüber hat er nie mit uns gesprochen.

Auf jeden Fall hat Vater in seinem Zorn entschieden, seine Arbeit als Kirchendiener hinzuschmeißen und mit uns nach Lothringen zu gehen.

 

Weil ich der Kleinste in der Klasse war, hatten meine Eltern in diesem besagten Jahr beschlossen, mich nicht zum Weißen Sonntag anzumelden. Ich sollte nicht mit meinem Schuljahrgang gehen, sondern noch ein Jahr warten.

Da wir aber jetzt fortmussten, hätte meine Mutter mich doch noch gerne hier in unserem Heimatort zum Weißen Sonntag gehen lassen.

Also hat sie allen Mut zusammengenommen, ist zum Pfarrer gelaufen und hat nachgefragt, ob ich da vielleicht doch noch mitmachen könne. Aber ich hatte ja nicht am Unterricht teilgenommen und praktisch nicht gelernt, was man da alles für die Erstkommunion können musste. Also hat der Pfarrer dies kategorisch abgelehnt.

 

So und jetzt kommen wir zur eigentlichen Geschichte, meinem Weißen Sonntag in Lothringen:

Wir hatten den Kommunionunterricht bei einem Lothringer Pfarrer.

Der Unterricht ging von Ostern bis Pfingsten. An Pfingsten war dann Weißer Sonntag in Lothringen.

In Neupotz war das nicht so, da wurde immer am Sonntag nach Ostern Weißer Sonntag gefeiert.

Im Unterricht mussten wir viel auswendig lernen und wurden dann vom Pfarrer über alles abgefragt.

Für unser Wissen bekamen wir Punkte und weil ich einer derjenigen war, die die meisten Punkte hatten,

durfte ich mir beim Pfarrer etwas zur Belohnung aussuchen.

Für eine gewisse Anzahl an Punkten durfte man sich auch entsprechend etwas aussuchen.

Zum Beispiel gab es Heiligenbilder oder so... 

 

Am Abend vor dem Weißen Sonntag hat der Pfarrer zu uns eindringlich gesagt, dass wir gut essen sollen,

damit wir sonntags stark für den langen Gottesdienst seien.

Ich bin nach Hause gerannt und habe zu meiner Mutter gesagt: "Morgen muss ich viel Kraft haben, ich will gebackene Eier und Schinken!"

Davon habe ich aber so viel gegessen, dass mir am nächsten Morgen ganz schlecht war und ich mich übergeben musste.

An dem Morgen habe ich nur etwas getrunken, damit es mir besser ging.

Meine Mutter meinte, ich solle lieber etwas essen.

Aber ich sagte ganz ernst:

Nä, Mudder, des därf mer nit! Des esch ä Sünd! Mer hän gelernt: Vor de Kommunion isst mer nix, mer muss nüchtern sei!“

"Nein Mutter, das darf man nicht! Das ist eine Sünde! Wir haben gelernt, vor der Kommunion darf man nichts essen, man muss nüchtern sein!" Meine Mutter hätte es mir erlaubt, aber ich wollte nicht.

Am Pfingstsonntag war schließlich der ersehnte Weiße Sonntag.

Meine Eltern fuhren mit mir mit der Kutsche nach Lixingen in die Kirche zur Kommunionfeier.

Nach der Kirche haben wir mit dem Pfarrer einen Spaziergang durch die umliegenden Ortschaften und wieder zurück gemacht.

Dabei hat er uns seinen Bekannten vorgestellt, das waren alle echte Lothringer. Aber von ihrer Art zu erzählen habe ich gemerkt,

dass ich nicht dazu gehörte. Ein seltsames, trauriges Gefühl...

Ich war der einzige in der Familie, der an diesem Tag Kommunion hatte. Gefeiert haben wir nur mit unserer kleinen Familie.

Mein Onkel, der Bruder meines Vaters aus Stuttgart, kam zwar, aber aus Neupotz kam niemand. Niemand aus der Verwandtschaft, niemand von den Freunden...

Es war ein großes Ereignis für mich, obwohl ich schon älter war.

Aber die anderen waren ja auch schon alle älter, als normale Kommunionkinder. In dieser Zeit war halt alles anders...

 

 Theatergruppe Kauderwelsch e.V.

℅ Marianne Stein

 

 

 

Tullastrasse
76777 Neupotz

mbstone@t-online.de
Tel.: 0 72 72 - 75 14 8