Geschichte aus der Spurensuche

Kapitel 1 Kindtaufe

Einleitung:

Das erste Mal, dass wir persönlich mit der Kirche in Berührung kommen, ist bei unserer Taufe. Es liegt in der Natur der Sache, dass sich niemand von uns selbst an diese Situation erinnern kann. Viele gehen ganz selbstverständlich davon aus, dass die meisten von uns, wohlbehütet von Mutter und Vater, mit Familie, Paten und der gesamten Pfarrgemeinde an einem Sonntagmorgen während des Sonntagsgottesdienstes dieses festliche Ereignis erlebten. Vielleicht sogar zusammen mit vielen anderen Täuflingen, deren Verwandtschaft und Bekanntschaft. Doch da liegen wir von der Wirklichkeit weit entfernt. Bis weit ins 20. Jahrhundert haben die Kindtaufen in der katholischen Kirche – zumindest wird in Neupotz so berichtet - folgendermaßen ausgesehen:

 

 

Wecksuppe für Wöchnerinnendas Rezept ist noch von meiner Mutter, also vorneweg über 60 Jahre alt:

 

Da wird Weck in der Milch eingeweicht, also so kleine Weck-Schnitzle. Die Milchweck werden dann mit heißem Wasser aufgefüllt.  Mit der Zentrifuge wurde dann Milch gedreht, und da „esch dann do hiwwe Milch rauskomme un do hiwwe Rahm"Der Rahm ist dann in die Suppe geschüttet worden. Und dann sind so kleine "Weck-Eckle gschnitte un in Butter gebrode worredes waren Gröschtle. Grouple hot mer bei uns gsagt. Un die sin dann in die Supp dezu näkumme".  Die Weckwürfel wurden in guter Butter geröstet, so hellbraun, und der Milchsuppe zugegeben. Un in die Supp esch äch mäschdens noch ä Ei nägekleppert worre.  Das war dann für die "Kindbetterne ä wertvolle Supp!" D´Mutter hot immer gsagt  des esch ä Kraftpaket fer all die, wu kränklich sin...  

Geschichte:

Früher sind die Kinder ja noch alle zu Hause auf die Welt gekommen. Ins Krankenhaus sind nur diejenigen gegangen, bei denen die Geburt zu Hause zu gefährlich war. Hausgeburten waren die Norm, heute machen die meisten da einen Staatsakt draus. So ändern sich die Zeiten, gell?!

Erst in den 60er Jahren gingen viele Frauen in die Krankenhäuser. Dort waren angeblich die Hygienestandards höher und damit eine Geburt ungefährlicher.

Bei uns hat das damals noch alles die Hebamme geregelt. Die Elis, eine bodenständige, handfeste Frau, die sich schon mal über Nacht ins Bett zur Wöchnerin legte, damit sie rechtzeitig vor Ort wäre, wenn es denn los ginge. Zahlreiche Kinder hat sie in Neupotz auf die Welt gebracht. Im Ort wurde sie geschätzt und geliebt. Die Hebamme hatte etwas zu sagen, ihr Wort galt etwas, sogar beim Pfarrer! Einen Arzt sah man nur, wenn irgendetwas nicht stimmte und Komplikationen zu befürchten waren.

 

Die Kinder mussten früher so schnell wie möglich getauft werden. Die Kindtaufe fand daher immer am ersten Sonntag nach der Geburt statt. Die Babys waren demnach zwischen einem und sieben Tage alt. Beim Gang in die Kirche waren die Kinder noch ganz zugedeckt, zum einen, weil sie ja ganz, ganz klein waren und dann waren damals ja die Taufkissen modern. Da wurden die kleinen Kinder reingesteckt und waren somit gut aufgehoben!

Die Kindtaufe war immer sonntagnachmittags um halb zwei Uhr. Immer nach der Mittagsandacht, nie während des Gottesdienstes. 

Nur wenn früher ein Kind auf die Welt gekommen ist, das keinen Vater hatte, das wurde Samstag mittags getauft. Nicht sonntags! 

Bei der Taufe waren die Hebamme, der Vater und die Paten dabei. Bei einem Mädchen war das eine Frau und bei einem Jungen ein Mann. Das war ganz fest geregelt. Die Hebamme trug zu diesem Anlass sogar eine besondere Tracht, ähnlich einer Nonnentracht. Nach der Taufe hat sich dann die Hebamme auf die Kirchentreppe gestellt und hat Bonbons in die wartende Kinderschar geworfen.

Bei de Kinddääf hots äch immer Gutsle gewwe. Do waren alle Kinner uff´m Kercheplatz un hän geward, bis die Kinddääf rim war. Die Hewamm hot sich dann uff die Kerchetrepp gstellt und hot noch de Dääf ä Dutt voll Gutsle gewarfe. Do war sozusage „Rapsung“, weil do vun de Kinner Gutsle gerapst warre sin. Do waren immer meh wie 20 Kinner do, die waren noch arg uff die Gutsle. Frieher hot´s jo fascht känni gäwwe. Des war än Feierdag fer die Kinner. Do hot´s immer schan unner de Woch ghäße: Oh, am Sunndag esch Kinddääf, do gäi mer na...

Die Mutter selbst durfte bei der Taufzeremonie nicht dabei sein. Man sagte, sie sei durch die Schwangerschaft und Geburt sündig geworden und müsste erst von der Kirche wieder ausgesegnet reingewaschen“ werden. Dies geschah erst nach etwa zwei, drei Wochen beim „Ausgehen“ in der Kirche. Vorher durfte die Frau nicht aus dem Haus und keinesfalls über´s GräwelAls „Gräwel“ bezeichnete man die Regenrinne, die am Straßenrad am Haus entlang lief. Man durfte nicht einkaufen, nicht spazieren gehen, sondern musste den ganzen Tag zu Hause bleiben. 

Als Mudder hot mer idd iwwers Grääwl gederft, blouß bes ans Houfdoor. Erschd noch de Aussegnung war mer widder rein und hot naus unner die Leit gederft.

Während der ersten Tage nach der Geburt mussten die Frauen ja sowieso im Bett bleiben.

Die Nachbarinnen kamen dann mit allerhand leckeren Speisen, um der jungen Mutter wieder Kraft zu vermitteln. Da gab es zum Beispiel Milchsuppe mit gebratenen Weck-Würfeln und gelegentlich gab es sogar „Biffdeck“. Meine Nachbarin, hat mehr als zehn Kinder bekommen, die hat immer erzählt, dass diese Zeit immer die schönste für sie war. Sie wurde verwöhnt und hat das richtig genießen können. 

Die Aussegnung erfolgte also meist zwei, drei Wochen nach der Taufe. Dabei ging die Mutter mit der Hebamme und dem Kind in die Kirche. Dort wurde gebetet, man bekam vom Pfarrer den Segen und von dort an war man wieder „rein“ und konnte weitermachen. Dann hat man wieder freie Bahn gehabt für alles...


 Theatergruppe Kauderwelsch e.V.

℅ Marianne Stein

 

 

 

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