Geschichte aus der Spurensuche

Kapitel 2 Kindheit

"Ich will ä Vesperbüchel"

Ich war nie in de Kinnerschul un ben trotzdem in d´Schul kumme. Vum erschde Tag ab, wu ich ind Schul gange ben, ben ich immer in de Kerch gewasst. Immer!!

Montags, mittwochs un freitags morgens um siewene hän die erschte bis vierte Klasse Kirchetach ghat. Am achte esch mer dann in d´ Schul gange.

Die Klassestufe fünf bis acht waren dann dienstags, donnerstags und samstags dra. Do war jo äch noch samstags Schul!

Sunntags war sowieso jeder Christ in de Pflicht in die Kirch zu geh. Do war´s dann ach strenger, weil mer dann ach mol newe annere Leut wie unner de Woch gekniet esch. Wenn dann gebabbelt hoscht, war de Kirchediener do. Der hot sou en lange Stab ghabt,  wo mer die Kerze mit ausgemacht hot un mit dem hot er die geduppt, die gebabbelt hän. Die Älteren wissen des noch besser.

Ich häb ämol änni kriegt, und häb nix gemacht ghat. Wie ich dann vun de Kirch häm kumme bin, bin ich grad nochmol verscholte worre.

De Pfarrer hot Strichliste geführt, wer do war. Do bischt mim Name vorgelese worre und wer nit do war hot än Fehlstrich kriegt. Wann mer kän Fehltstrich ghat hot, hot mer gewöhnlich ä Vesperbüchel kriegt. Do war jeder scharf druf.

In de 4. Klasse, des dinkt mer ewig und drei Tag, häb ich kän Fehlstrich ghat. Do häb ich dann ä Fleißbüchel kriegt, des war so dick wie ä Telefonbüchel. Kampf um den Himalaja war de Titel. Des vergess ich nie. 

Mittlerweile bin ich 72 Johr un häbs noch nie gelese. Irgendwann häb ich´s aussortiert und fortgschmisse.

Ich häb´s mol afange ghat zu lese, als Kind, in de 4. Klass un häb´s awwer ball wirrer weg gelegt. Erstens häb ich nichts verstanne, zwättens häb ich nit gewisst, was des esch. Un dann die veele Fremdwörter... mit denne Scherpas un mit dem was do iwwe alles gibt, die Gepäckträger... Heit wissen die Kinner jo alles, awwer domols häb ich des nit gewisst.

Dann häb ich später nomol agfange zu lese un bin immer noch nit zusträch komme, dann häb ich des grad gelosst. Häb´s awwer, wie ich doher gezoge ben, mitgenumme.

Johre lang häb ich des in meim Nachtdischel in de Schublade lieche ghat. Irgendwann, do war ich schun viel älter, häb ich mol gedinkt, jetzt lieschd des mol. Und? Es war immer noch wie vorher, unverständlich un langweilig. All die Fremdwörter... un dann hot mich des jo üwwerhaupt nit interessiert. Dann häb ich gedinkt, oh was, bleib in de Schublade liege un irgendwann häb ich´s dann doch mol entsorgt. 

 

Mer kann´s nit gläwe, awwer sowas hot mer als klä Mädel als Fleißanerkennung kriegt. Super, gell?!

 

 

 

Ich war nie im Kindergarten und trotzdem bin ich in die Schule gekommen. Vom ersten Tag meiner Schulzeit an bin ich immer in die Kirche gegangen. Immer!

Montags, mittwochs und freitags mussten die Kinder der ersten bis zur vierten Klasse morgens um sieben Uhr vor der Schule in die Kirche. Um acht Uhr ist man dann in die Schule gegangen.

Die Klassenstufe fünf bis acht war immer dienstags, donnerstags und samstags mit dem Frühgottesdienst dran. Damals war ja auch noch samstags Schulpflicht!

Sonntag ist sowieso jeder Christ in die Kirche gegangen, das war für alle Pflicht! Sonntags war es in der Kirche für uns Kinder noch strenger als unter der Woche. Da ist man auch mal neben anderen Leuten gekniet und hat mit denen dann geschwätzt. Aber hallo, da kam sofort der Kirchendiener mit seinem langen Stab und hat einem auf den Kopf getupft. Mit diesem Stab sind auch die Kerzen nach dem Gottesdienst gelöscht worden. Die ältere Generation weiß das bestimmt noch besser.

Ich bin auch einmal in der Kirche bestraft worden, obwohl ich nichts gemacht hatte! Als ich nach Hause kam, wurde ich von den Eltern noch einmal bestraft!

Der Pfarrer hat damals überprüft, wer in der Kirche war und hat darüber eine Strichliste geführt. Dazu wurde jeder mit Namen vorgelesen und wer gefehlt hat, bekam einen Strich. Wer am Ende des Jahres keine Fehlstriche hatte, bekam ein Vesperbüchlein geschenkt. Da war jeder scharf drauf!


Als ich in der 4. Klasse war, das denkt mir ewig und drei Tage, hatte ich keinen einzigen Fehlstrich. Ich bekam aber kein Vesperbüchlein, sondern ein sogenanntes Fleißbüchlein, das war so dick wie ein Telefonbuch. Kampf um den Himalaja war der Titel.                           Das vergesse ich nie!!

Mittlerweile bin ich 72 Jahre und habe es noch nie gelesen. Irgendwann habe ich es aussortiert und fortgeschmissen.

Ich hatte es als Viertklässlerin angefangen zu lesen, habe es dann aber schnell wieder weggelegt. Ich habe es einfach nicht verstanden. Diese vielen Fremdwörter, diese Scherpas und was es alles in diesen Ländern gibt, diese Gepäckträger... Heute wissen die Kinder ja alles, aber ich hatte damals keine Ahnung.

Später habe ich noch einmal mit dem Lesen begonnen, kam aber immer noch nicht mit den Ausdrücken zurecht und hab es dann einfach sein lassen. Als ich verheiratet war und hierher umgezogen bin, habe ich das Buch dann doch mitgenommen.

Jahre lang lag es in meinem Nachttisch in der Schublade. Irgendwann, da war ich schon viel älter, dachte ich: Jetzt liest du mal das Buch. Aber es war immer noch wie vorher, unverständlich und langweilig. All diese Fremdwörter... und dann hat mich die Geschichte einfach nicht interessiert. Ich habe es zurückgelegt und gedacht, dann bleibst du halt in der Schublade liegen. Irgendwann später habe ich es dann doch entsorgt.

Man kann es nicht glauben, schenkt man einem kleinen Mädchen als Anerkennung so ein Buch? Super, gell?!

 

 

 


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