Geschichten aus der Spurensuche

Kapitel 5 Der Kirchendiener

Neben dem Pfarrer gab es in früheren Zeiten eine weitere Respektsperson in der Kirche, und das war für die Kinder der „Kirchendiener“. Er hatte in der Regel dafür zu sorgen, dass die Kirche für den Gottesdienst vorbereitet war und dass die Glocken regelmäßig geläutet wurden. Früher mussten die Glocken von Hand geläutet werden, da es eine elektronische Einstellung noch nicht gab. 

Während des Gottesdienstes hatte der Kirchendiener auch immer ein Auge auf die Kinder zu werfen, die früher in ihren Klassenverbänden die Kirche besuchten. Die Klassen waren alle vollständig vertreten, ohne Grund hat niemand gefehlt! Wer dennoch nicht am Gottesdienst teilnahm, der wurde in einem extra Heftchen vermerkt.

Viele Aussagen weisen auf, dass nicht nur Respekt, sondern Angst vor der Bestrafung seitens des Kirchendieners im Gedächtnis der Erzähler haften blieb. Wobei im Rückblick vieles mit einem Lächeln und Verständnis erzählt wurde:

 

Der erste Gedanke zum Kirchendiener:

 

v„Vor dem hot mer Angscht ghat!“

v„Der hot Ääche ghat, wie än Luchs, dem esch nix entgange!“ 

v„Ou, ou, vor dem säim Stock häb ich Respekt ghat!“                  

vWann vun dem enni uff´s Hirn kriegt huscht, des hoscht ä paar Daag gemerkt."

 

 

Wie sah der Kirchendiener aus und welche Aufgaben hatte er inne?

 

v„De Kerchediener hot än route Mantel aghat, än schwarze Hut hot er uffghat und än Stock hot er ghat – mit dem sin die Kinner gschlache worre.“ 

v„Än route Mantel, ä routi Kapp und ä Löschhörnel hot de Kerchediener ghat. Mit dem Löschhörnel hot er de Kinner, wenn se in de Kerch gebabbelt hän, uff de Kopf gedupft un noch de Kerch hot er die Kerze demit gelöscht.“

v„De Pfeeder war Kerchediener, des war än ganz liewer, den häb ich gern ghat. Gut, der hot äch mol de änd oder de anner gedupft, awwer dann hän ses äch verdient ghat.“

v„De Kirchendiener hot in de Kerch uff die Kinner uffgebasst. Wann mer it ruhich war, esch mer mit dem Löschhörner gerupft warre."


Erinnerungen an den Kirchendiener:

 

   1

Immer sunndagmorcheds noch de Kerch waren vier, fünf Kinner do, wu se kriegt hänn. De Kerchediener esch do gstanne un hot gewart, bis änner was macht. Er hot säi roti Kutt ag‘hat un ä drei Meter lange Stang in de Hand. Wann medde in de Bank äner kä Ruh gewwe hot, hot er dem mit de Stang uff de Kopf gedupft. Die erschde fünf, sechs Bänk, do wu Kinner gsesse sin, do esch er rimmarschiert. Die wu enni vun ihm kriegt hän, die hän dann vor gemisst an d’Kommunionbank un hän vum Pfarre noch de Kerch nochmol Schläch kriegt. Do hot´s dann gäwwe, awwer mim Rohrstock – vum Pfarrer...

Erinnerungen an den Kirchendiener:

 

    1 

Sonntag morgens nach der Kirche, mussten immer vier oder fünf Kinder in der Kirche bleiben, um auf ihre Strafe zu warten. Der Kirchendiener stand immer an der Seite und hat nur darauf gewartet bis eines der Kinder etwas macht. Er trug seine rote Kutte und hatte einen drei Meter langen Stab in der Hand. Mit diesem konnte er auch Kindern, die in der Mitte der Bank saßen, auf den Kopf stupsen. In den ersten fünf bis sech Bänken saßen nur Kinder, da ist er immer herumgelaufen. Die Kinder, die von ihm bestraft wurden, die mussten nach vorne an die Kommunionbank und die bekamen nach der Kirche vom Pfarrer noch mal Schläge. Aber von dem gab es Schläge mit dem Rohrstock! 


 

    Der Kirchendiener, der hatte einen roten Mantel an und einen roten Hut aufgehabt. Während des Gottesdienstes ist er mit der Hellebarde durch die Reihen gegangen und wenn eines der Kinder geschwätzt hat, hat er es damit angestupst. Jungen und Mädchen saßen in getrennten Reihen, niemand durfte aufstehen oder die Bank wechseln oder schwätzen. Heute dürfen Kinder ja alles, die dürfen vorne an den Altar und dem Pfarrer zwischen den Füßen rumkrabbeln.

 

   2

De Kerchediener, de Schaggob, hot immer sou ä langi Kutt aghat und än lange Stab hot er ghat. Mit dere Stang hot der jeden gstupft, wu gebabblt hot. Hauptsächlich awwer säi Dochter. Kä Wort hoscht in de Kerch sache derfe – un des war jo langweilich fer uns. 

 

    2

Der Kirchendiener, der Jakob, trug immer eine lange Kutte und hatte immer einen langen Stab. Mit diesem hat er die Kinder gestupst, die während des Gottesdienstes geredet haben. Hauptsächlich aber hat er seine Tochter bestraft. Du durftest in der Kirche kein Wort sprechen und das war ja soo langweilig für uns.


 

    Der Schuster Peter, der war Kirchendiener. Der hat in der Kirche für Ordnung gesorgt. Der trug einen roten Mantel und eine schwarze Kappe, und hatte immer sein Löschhörnel dabei. Das war ein fünf Meter langer Stecken. Und wenn jemand von den Kindern geredet hat, hat es mit dem Löschhörnel eine bekommen. Da warst du ruhig. Und wehe es hat jemand geredet – Zack bum...

Und wenn sie dann heimgekommen sind, dann hat es geheißen: „Wieso hast du wieder eine bekommen? Warst du wieder frech in der Kirche?“ Dann hat es daheim noch eine gegeben. 

 

   3

Märe Freundin ehrn Groußvadder war Kerchediener. Der hot die Glocke gelerre un hot immer am Elfe vum Feld hämgemisst, weil er hot leire misse. In de Ferie sin mer als niwwer in d’Kerch un hän fer ihn gelerre, damit er it extra vum Feld häm muss. Awwer wammer Schul g’hat hän, esch des it immer gange. 

Beim Glockelaire hot unser Mudder immer Angscht g’hat, dass beim Nuffziehche ebbes bassiert. Do esch mer jo houch gfloche bes unners Kerchedach! Mer hän sogar manchmol aus de Schul niwwer in d’Kerch gederft zum Laire. Wann mer als ä bissl zu speet waren, dann hot märe Freundin ehrn Groußvadder Angscht g’hatt, dass mers vergesse hä un esch schnell hämgerennt. Dann waren mer se drett dort zum laire un er hot immer gsagt: „Ehr Mädle, jetzt hän ehr mich fer d‘Katz häm renne losse...“

 

    3

          Der Großvater meiner Freundin war Kirchendiener. Er

          musste die Glocken läuten, die Elf-Uhr-Glocke, die

          Betglocke und die Kirchenglocken. Um die Elf-Uhr-Glocke

          zu läuten, musste er immer von der Arbeit weg und extra

          vom Feld heimlaufen. In den Ferien haben wir für ihn die

          Glocken geläutet, aber während der Schulzeit ging das

          nicht immer. Unsere Mutter hatte immer Angst, dass etwas

          passiert. Wir sind beim Läuten manchmal bis unter das

          Kirchendach geflogen. Ab und an durften wir sogar von der

          Schule aus zum Läuten gehen. Manchmal waren wir ein

          wenig spät mit dem Läuten dran. Da ist der Großvater

          meiner Freundin schnell aus dem Feld heimgerannt, weil er

          dachte, wir haben es vergessen. Dann standen wir zu dritt

          oben auf dem Glockenturm und er hat dann immer gesagt.

          „Also Mädchen, jetzt habt ihr mich aber für die Katz

          heimlaufen lassen.!“


 

    Der Kirchendiener war eine besondere Erscheinung, vor allem, wenn er an Feiertagen eine rote Robe anhatte. Während der Messe stand er mit seiner Hellebarde hinter den Kinderbänken und teilte aus, wenn die Kinder nicht ruhig waren.

 Theatergruppe Kauderwelsch e.V.

℅ Marianne Stein

 

 

 

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